Ein harmonisches Chaos | Djesse Vol. 4

Djesse Vol. 4 ist das vierte und letzte Element im Alben-Kollektiv des britischen Sängers, Produzenten und Multiinstrumentalisten Jacob Collier. Das vollständige Album erschien im Februar 2024 und macht das neueste Werk des damals von Quincy Jones entdeckten, mittlerweile 6-fachen Grammy-Gewinners aus. Mit echtem Namen Jacob Moriarty, wurde er durch seine harmonisch komplexen A-cappella-Covers auf YouTube mit nur 17 Jahren schon gängig als musikalisches Genie bezeichnet. Im nun letzten Teil der Djesse-Reihe widerspiegelt sich seine Faszination für harmonische Komplexität bestens: Das Allerlei aus Folk, A Cappella, Soul, Jazz, Trip-Hop, Gospel, Latin und Metal eignet sich definitiv nicht als leichte Musik beim Lernen…

Das Album besteht aus 16 Tracks und kann als Konzeptalbum betitelt werden, jedoch wäre der kohärente Punkt gerade hierbei das Chaos und die musikalische Entropie, wenn man es mild ausdrücken will. Leider fühlt sich das Album als Ganzes an, als hätte Collier eine Checkliste mit den verrücktesten und widersprüchlichsten Musik-Konzepten auf dem Nachttischchen, welche er im Verlauf dieses Projektes abarbeiten wollte. Der erste Song des Albums lautet 100’000 Voices und besteht unter anderem aus gigantischen Aufnahmen von Zuschauerchören seiner letzten Live-Shows. Die sphärische Stimmung, die der Song vermittelt, wird gegen Ende abrupt von einem Metal-Breakdown zerstört, oder anders ausgedrückt: eine emotionale Sensation hervorgerufen. Songs wie Little Blue mit Brandi Carlile folgen dem Ansatz, die Mikrotonalität, für welche Collier bekannt ist, und aufregende Modulationen dem Alltagszuhörer durch Folk-Pop näher zu bringen. Mein persönlicher Favorit ist die Eigeninterpretation von Bridge Over Troubled Water, welche zusammen mit John Legend und Tori Kelly einen würdigen Nachfolger zum grandiosen Moon River Cover aus Colliers Djesse Vol. 2 bildet. Tori Kellys unfassbare „Vocal Runs“, welche Colliers Chorstrukturen gegen Ende perfekt komplimentieren, machen dies zu einem unglaublichen Werk, welches auch Simon & Garfunkel in einen Klang der Stille versetzen würde.

Abschliessend lässt mich das Album in einem emotionalen Nebel zwiegespalten. Auch bei einzelnen, herausragenden Stücken bildet das letzte Werk des Crocs-Liebhabers für mich persönlich leider keinen würdigen Abschluss des Djesse-Projektes. Es fehlt insgesamt an Struktur und einem roten Faden, was das konsekutive Hörerlebnis mühsam und unbefriedigend gestaltet. Gleichwohl freue ich mich darauf, an einer seiner Live-Shows im Dezember teilzuhaben und vielleicht überzeugen mich dort kritische Aspekte des Albums dennoch!

Jacob Collier
Djesse 4 | Das ganze Album

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