Das Leben an einer englischen Privatschule

Mein Schulweg von meinem Zuhause in Stockport, in dem ich knapp vier Monate bei einer Gastfamilie verbrachte, bis zur Cheadle Hulme School betrug mit dem Bus exakt elf Minuten. Eigentlich ist das nicht lange, aber ich musste jeden Tag nach der Schule so schnell von der Bushaltestelle ins Haus rennen, dass meine Gastschwester sich nach einigen Wochen ernsthaft Sorgen machte. Jedoch war das nicht, weil ich ihr aus dem Weg gehen wollte, sondern aus einem ziemlich banalen Grund: Meine Blase war – ohne zu übertreiben – kurz vor dem Platzen. Vielleicht fragt ihr euch jetzt, weshalb ich nicht einfach noch im Schulgebäude auf die Toilette ging, so wie jede normale Person das machen würde. Nun, ich hatte schon meine Gründe. Diese und viele weitere interessante sowie überraschende Dinge über das Leben an einer englischen Privatschule erfahrt ihr in diesem Text.

„Wow, Hogwarts!“, dachte ich, als ich das Gelände der Cheadle Hulme School in Manchester zum ersten Mal betrat. Die Türme und die prächtigen Fenster verleihen der alten Schule tatsächlich einen Hauch von Hogwarts. Selbst die Klassenzimmer haben eine besondere Ausstrahlung – und sie riechen definitiv besser als die an der KZU. Der Rasen ist gepflegt, und es wird viel Wert auf Grünflächen gelegt. Doch etwas fällt sofort auf: Sobald man das Gebäude betritt und zu den Toiletten im Keller geht, möchte man am liebsten kehrtmachen. Entweder sind sie verstopft, mit Urin und anderen Verschmutzungen beschmiert oder mit Vapes übersät. Manchmal kann man sie nicht einmal benutzen, weil große Gruppen sich in der Pause dort mit E-Zigaretten vergnügen. Trotz Rauchmeldern und regelmäßiger Kontrollen konnte dieses Problem bisher nicht behoben werden. Die Sauberkeit an der CHS ist daher definitiv zu bemängeln, und als ich dieses Phänomen zum ersten Mal erlebte, war ich wirklich überrascht. Gerade bei einer Privatschule würde man sicherlich einen bestimmten Hygienestandard erwarten, der jedoch leider nicht erfüllt wird.

Cheadle Hulme School

Der grösste Unterschied zwischen der CHS und der KZU sind definitiv die Regeln. Jeder Schüler und jede Schülerin trägt eine Schuluniform; die Jüngeren, im Alter von 4-16, tragen eine grüne Uniform, und die Sixth Formers, die 16-18 Jährigen, tragen eine Blaue. Piercings, Schmuck oder auffällige Haarfarben sind strengstens verboten. Nur ein einziger Ohrstecker pro Ohr ist erlaubt. Die Jungen müssen das Hemd stets in die Hose stecken und der Rock der Mädchen soll auf Kniehöhe enden, wobei sich jedoch niemand an diese Regelung hält und der Rock meist kurz unter dem Gesäss abgeschnitten wird. Das Verlassen des Schulgebäudes ist während der Schulzeit nicht erlaubt, sobald die Tore am Morgen schliessen ist man eingesperrt, denn das ganze Areal ist umzäunt. Das Handy darf man nur im sogenannten Sixth Form Centre benutzen, ein separates Gebäude mit eigenem Café, Aufenthaltsraum und Arbeitsplätzen. Die Jüngeren, die dieses Gebäude noch nicht benutzen dürfen, müssen ihr Mobiltelefon jeweils am Morgen abgeben. Wer all diese Regelungen nicht befolgt, wird ermahnt und bei wiederholtem Widersetzen werden Bestrafungen erteilt.

Die Schuluniform

Ein weiterer großer Unterschied sind die Schulfächer. Im Vergleich zur Schweiz belegen die Schüler ab Year 12, also im Alter von etwa 17 Jahren, nicht zwölf Fächer, sondern nur noch drei bis fünf. Von Wirtschaft bis Altgriechisch, von Politik über Psychologie bis Kunst ist für jeden etwas dabei. Folglich müssen die Schüler schon viel früher entscheiden, in welche Richtung sie später an der Universität gehen möchten. Dadurch, dass sich die Schüler auf das fokussieren können, was sie wirklich interessiert, herrscht ein ganz anderes Lernklima vor. Wer ein bestimmtes Fach wählt, zeigt tatsächlich Interesse; der Ehrgeiz ist riesig, und die meisten versuchen bereits durch Freiwilligenarbeit Pluspunkte für die Universität zu sammeln.

Anders als in der Schweiz sind alltägliche Prüfungen nicht besonders wichtig; erst die sogenannten A-Levels werden ernst genommen. Am Ende von Year 13 schreibt jeder diese Tests, und alles, was in Year 12 sowie in Year 13 behandelt wurde, wird geprüft. Die Note, die dabei herauskommt, ist von enormer Bedeutung und entscheidet darüber, an welche Uni man später gehen darf.

Ausserdem sind die Klassen viel kleiner als in der Schweiz: Meist bestehen sie aus zehn bis fünfzehn Schülern oder auch weniger. In meinem Kurs Religionswissenschaften waren wir sogar nur vier Schüler. Die Lehrer können so viel besser auf einzelne Personen eingehen und sie mehr fördern.

Meine „Religious Studies“-Klasse (Christian fehlt)

Ein weiterer Unterschied, der mich persönlich am meisten überrascht hat, ist die vorherrschende Hierarchie unter den Schülern. Ich dachte, so etwas gäbe es nur in amerikanischen High-School-Filmen, doch ich habe mich gewaltig getäuscht. An der Cheadle Hulme School ist ganz klar geregelt, wer mit wem befreundet ist, wer zu den „Beliebten“ gehört und wen man besser meidet. Die „Popular Girls“, bestehend aus den Reichsten und Schönsten von allen, haben ihren eigenen und festen Tisch, dem man sich besser nicht nähert, wenn man nicht Teil dieser Gruppe ist. Jeden Tag gibt es neuen „Gossip“, und jeder lästert über jeden; gute und vertrauenswürdige Freunde zu finden, kann für manche schwierig sein. Zum Glück hatte ich praktisch keine Probleme, neue Leute kennenzulernen, und habe während meiner Zeit an der CHS einige meiner besten Freundinnen kennengelernt.

Lunch im Sixth Form Centre

Abschliessend möchte ich sagen, dass vier Monate an einer englischen Privatschule unglaublich lehrreich und abenteuerlich waren. Auch wenn England und die Schweiz gar nicht so weit entfernt sind, ist das Leben und die Kultur trotzdem so unterschiedlich. Ich habe trotz Hierarchie unter den Schülern wunderbare Freundschaften geschlossen und bin dankbar dafür, diese prägende Erfahrung gemacht haben zu dürfen. Was ich an der Cheadle Hulme School erleben durfte, werde ich mit Sicherheit nie vergessen.

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