Nach dem Tod ihres Partners, des Musikers Trey Gruber, veröffentlichte Jessica Viscius, auch bekannt als “Bnny”, ihr Debüalbum “Everything”. Kurz darauf folgte im frühen April 2024 die Platte “One Million Love Songs” mit elf Tracks als Fortsetzung unter dem Musiklabel “Fire Talk”, die das Leben nach ihrem verheerenden Verlust in verschiedenen Facetten wiedergibt.

Das Album “One Million Love Songs” lässt sich stilistisch dem Genre Alternative Indierock zuordnen, begleitet von zarten Gitarrentönen und ätherischem, fast schon engelsgleichem Klang der Stimme, die den persönlichen Hintergrund und vor allem die Melancholie und gleichzeitig Verletzlichkeit der Sängerin perfekt wiedergeben.
Der Hauptantrieb hinter diesem Album war die Suche nach Versöhnung nach dem schmerzhaften Verlust sowie das intensive Gefühl der Trauer, das nach dem Tod ihres Geliebten ausgiebig ihr Leben prägte. Die Tracks bewegen sich zwischen niederschmetternden Tönen und tröstlichen Schlafliedgesang und dienen zur Form der Akzeptanz und der Heilung des Herzschmerzes der Künstlerin. Dennoch gibt es auch Momente fröhlicher Tonlagen, die wiederum zeigen sollten, dass das Gefühl, geliebt zu werden, das Beste ist, was das Leben bieten kann. Viscius selbst behauptet: “I wanted to make songs that are exciting to play – songs that make me feel happy. This album is about love after loss, getting older, and just trying to have fun with a broken heart.” Meiner Meinung nach ist ihr die Brücke zwischen den beiden Gefühlswelten sehr gut gelungen, was den Hörern ein breites Spektrum an Raum für emotionale Bindung zu den Tracks durch eigene Erlebnisse bietet.
Ein besonders herausragender Track für mich ist sicherlich “Good Stuff”. Musikalisch setzt der Song auf eine minimalistische Instrumentierung mit sanften Gitarren, Bass und Schlagzeug. Das gemächliche Tempo und der gleichmäßige Rhythmus lenken den Fokus auf die eingängige, melancholische Melodie und den ausdrucksstarken Gesang. “Oh, to love again, to feel,” singt Viscius voller Sehnsucht. Die introspektiven Texte behandeln Themen wie Verlust, Nostalgie und die Suche nach Bedeutung. Sie wirken persönlich und laden den Hörer dazu ein, sich mit den Gefühlen des Sängers zu identifizieren. Allerdings folgen unmittelbar danach die Strophen: “I’m hanging onto the good stuff/I’m hanging onto my big love,” welche den angeeigneten Umgang mit ihrem Verlust präsentieren.
Mit dem kurzen, aber intensiven Track “No One” und den Lyrics “Burned some bridges/And burned some doors/Now no one loves me anymore,” rundet sie ihr Album dramatisch ab, nachdem man durch die verschiedenen Phasen der Trauer mitgenommen wurde. Die Antithese zu den üblichen Tracks, welche eher ermutigend wirken, lässt die Zuhörer am Ende einfach “hängen”, sodass man als Hörer viele enttäuschende Emotionen erlebt.
Viele andere Werke des Albums “One Million Love Songs” sind, wie “Good Stuff”, eine emotionale Achterbahnfahrt. Man fühlt sich mal im Kummer verstanden, dann wieder von Zuversicht und Heiterkeit überschwemmt, nur um schließlich mit tiefgründigen Worten in die harte Realität zurückgeholt zu werden. Ein gutes Beispiel dafür sind die Strophen aus dem Track “Rainbow”:“trying to walk straight/But I’m stumbling/Trying to forget you/But I’m struggling”. Trotzdem ist das Album genau das, was man nach einem Verlust braucht – die Ermutigung, wieder verschiedenste Emotionen erleben zu dürfen.