Alt ist man dann, wenn man an der Vergangenheit mehr Freude als an der Zukunft hat (John Knittel). Die Band Neutrals aus Bay Area, hinter der sich eine Frau und zwei Männer in der Midlife-Crisis verstecken, blickt mit ihrem neuen Album „Bus Stop Nights E.P.“ nochmals zurück in die 60er und 70er Jahre. Veröffentlich wurde es im März 2022 von einem unbekannten Label. Im bereits sechsten Album der amerikanischen Band ist interessante Musik, verteilt auf vier Tracks, zu finden; Mithilfe von Post-Punk Indie Pop singt sich die Gruppe in die Herzen der Zuhörer. Die laute Gitarre, die nostalgisch klingende Stimme des Sängers Allan McNaughton und die mitreissenden Melodien verleihen den Liedern eine freudige Naivität.
Sobald die etwas schrill klingende E-Gitarre einsetzt, ist gute Stimmung vorprogrammiert; Kurze, rhythmische Gitarrenklänge werden bald von einer tiefen, melancholischen Stimme begleitet. Das Lied Bus Stop Nights lässt viel Platz für die Gitarre und der Text ist mitreissend und einfach mitzusingen: Nach jeder Strophe erklingt ein „Another Bus Stop Night“, „Another Bus Stop Night!“ Auch ein weiterer Song aus dem Album, „Gary Borthwick Says“, ist exakt nach diesem Schema aufgebaut und – um ehrlich zu sein – klingt ziemlich genau so, wie alle anderen Songs im Album. Dieses Mal wird jedoch im Refrain statt „Another Bus Stop Night“, einfach „Gary Borthwick Says“ gesungen. Es entsteht ein gewisser „Flow“, weil nie etwas wirklich Neues eingebracht wird. Dies verleiht der Band Humor sowie Kultstatus und macht die Lieder vielleicht nicht gerade zu anspruchsvoller Musik, aber dafür zu sympathischen und mitreissenden Stücken.
Die Neutrals verpacken, wie auch in ihren vorherigen Alben, viel Nostalgie in ihren Liedern. Man könnte meinen, sie wären noch nicht ganz in der Gegenwart angekommen und singen immer noch von den ersten Computern. Das Lied „New Town Dream“ handelt vom Umziehen vom Land in die Stadt, was in den Vereinigten Staaten vorallem während den 60er und 70er Jahren ein grosses Thema war. In einem Interview meinte Allan McNaughton: „Die meisten jungen Bands – also Bands mit jüngeren Kindern – bestehen aus Stadtkindern, die hier aufgewachsen sind, vielleicht mit „coolen“ Eltern, im Gegensatz zu früher, als die Leute, die Bands gründeten, Kinder waren, die hierher zogen, um ihren konservativeren Heimatstädten zu entkommen und eine unterstützende Gemeinschaft zu finden.“ Auch das neue Album Bus Stop Nights E.P. beschäftigt sich mit der Gentrifizierung und deren Folgen.
Nicht nur die teilweise politischen Texte, sondern auch die Lieder als Ganzes erinnern an die weltbekannte Band U2, die 1972 ihr Debüt feierte. Man könnte fast meinen, die Neutrals wären die Wiedervereinigung der alten Band. Die Musik von U2 ist eine atmosphärische Mischung aus Rock und Post-Punk, geprägt von unverwechselbaren Gitarrenklängen, einer melancholisch klingenden Stimme und dynamischen Rhythmen.

Bus Stop Nights E.P. empfehle ich vorallem für eine Zeit, in der man einfach nur Zuhause ist, die Zeitung liest und die Freiheit hat, alles zu tun, auf was man gerade Lust hat. Das Album, oder auch generell die Musik der Neutrals stimmt einen glücklich. Und dadurch, dass die Tonlage ungefähr immer dieselbe ist, und es keinen Höhepunkt oder viel „Action“ gibt, lässt sie sich gut zum Entspannen hören. Gerade die Babyboomer-Generation wird wahrscheinlich durch die Musik der Neutrals zurück in die Jugend geworfen und ich denke, dass viele schöne Erinnerungen aufkommen könnten.