Meine Gastmutter – meine beste Freundin

Am Ende der Sommerferien erhielt ich eine erfreuliche Nachricht: Ich würde mit Myriam zusammenleben. Diese Mitteilung kam nicht unerwartet, denn wir hatten bereits im Voraus beschlossen, nicht allein in Gastfamilien zu sein und wir wussten, dass wir gemeinsam die gleiche Schule besuchen würden, also war es für uns klar, dass wir zusammenleben würden. Darüber hinaus hatten uns Mädchen, die im vergangenen Jahr an derselben Schule waren, verraten, dass ihre Gastmutter wieder zwei weitere Schülerinnen aufnehmen würde, also hatten wir gute Gründe anzunehmen, dass sie uns auch aufnehmen würde. Trotz dieser Gewissheit erfüllte mich die Nachricht mit Freude, denn die Vorstellung, mit Myriam zusammenzuwohnen, verlieh mir ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Selbst wenn unsere Beziehung zur Gastmutter nicht die beste sein würde, konnten wir uns immer aufeinander verlassen. Einige Tage später erhielt ich jedoch die enttäuschende Nachricht, dass ein Fehler unterlaufen war und ich nun doch allein bei einer älteren Dame und ihrem Hund unterkommen würde, allerdings nicht weit von Myriams Haus entfernt. Ich muss gestehen, dass dies meine Ferien trübte, da ich mir verschiedene Szenarien ausmalte, wie meine Gastmutter sein und wie das Haus aussehen könnte. Sauberkeit ist für mich wichtig, und die Vorstellung, in einem unordentlichen Haus zu leben, war enttäuschend. Immerhin war mir bewusst, dass Myriam in der Nähe war, aber es war einfach nicht dasselbe wie vorher. Ich hatte mich schon seit Monaten darauf eingestellt, mit ihr zusammenzuleben, und es war schwer für mich, mich damit abzufinden.

Der Hund

 

Meine Familie ermutigte mich, offener zu sein und nicht immer vom Schlimmsten auszugehen, was mir half, mit einem guten Gefühl abreisen zu können. Unsere erste Begegnung war wunderbar. Sie empfing mich auf eine herzliche Art, die mich sofort willkommen fühlen ließ. Als erstes umarmte sie mich, und in diesem Moment fühlte ich mich schon wohl, obwohl ich normalerweise erste Umarmungen als unangenehm empfinde. Ich war angenehm überrascht von ihrer Geduld, Hilfsbereitschaft und ihrer Kochkunst. Ihr Zuhause war ein Traum, liebevoll eingerichtet mit wunderschönen Dekorationen. Mein Zimmer war einfach perfekt – gemütlich und einladend, besonders mein Bett.

Mein Zimmer

Wir hatten tagsüber viel zu tun, daher hatten wir am Anfang kaum Gelegenheit zu reden. Aber abends, beim gemeinsamen Abendessen, verbrachten wir oft mehrere Stunden miteinander und lernten uns richtig kennen. Am Anfang war sie ziemlich direkt und stellte mir viele Fragen, aber das fand ich eigentlich schön. Es zeigte mir, dass auch sie mich kennenlernen wollte. Anfangs war ich etwas unsicher wegen meines Englischs, das mir manchmal Schwierigkeiten bereitete, fließend zu antworten. Doch nach ein paar Tagen wurde es besser. Was ich besonders an ihr mochte, war ihre Offenheit. Nachdem sie mich durchlöchert hatte, konnte ich sie alles fragen, und sie antwortete ehrlich, selbst wenn es um emotionale Themen wie ihre Scheidung ging. Was ich jedoch am meisten an ihr schätzte, waren ihre Weisheiten und ihre Sicht auf die Welt. Es war beeindruckend zu sehen, wie sie trotz all der Höhen und Tiefen in ihrem Leben eine gesunde Einstellung zu den schwierigen Ereignissen ihres Lebens hatte. Sie war nicht verbittert oder rückblickend, sondern hatte Frieden mit ihrer Vergangenheit geschlossen. Durch unsere nächtlichen Gespräche wurde sie schnell zu meiner besten Freundin, der ich alles erzählen konnte und wusste, dass sie mich nie verurteilen wird.

Meine Gastmutter und ich im Restaurant

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