HS2 und «The North-South Divide»

“Manchester is liberal, the government in London is conservative. That’s why all the money goes to London, and we get nothing.” Das hat uns, Sian und mir, Barry, unser temporärer “Host”, bei dem wir die erste Woche verbrachten, gesagt. Er behauptet im Grunde genommen, dass das Geld von der Regierung innerhalb Englands nicht fair verteilt wird. Damit bringt er etwas zum Ausdruck, was in England ein grosses Thema politischer Diskussionen ist: Das Nord-Süd-Gefälle – im Englischen «The North-South Divide». Weil ich während meines Aufenthalts von mehreren Personen Bemerkungen dieser Art gehört habe, möchte ich mich in diesem Blogeintrag etwas näher mit dieser Thematik auseinandersetzen.

Dazu habe ich mir ein sehr aktuelles Beispiel ausgesucht: Der High Speed 2, kurz: HS2. HS2 ist der Projektname einer geplanten Eisenbahnfahrstrecke, die Manchester, Leeds und Birmingham mit London verbinden sollte. Die Idee dahinter war es, eine bessere Zugverbindung zwischen dem Norden Englands und London im Süden zu schaffen und somit die wirtschaftlich benachteiligten Regionen im Norden Englands zu stärken. Dazu muss man zuallererst verstehen, wieso der Norden Englands wirtschaftlich dem Süden hinterherhinkt. Ich habe dazu ChatGPT gefragt. Ein Hauptgrund liegt in der Geschichte des Landes: Der Norden Englands war Grossbritanniens Herz der Industriellen Revolution, die Schwerindustrie florierte. Doch mit dem Untergang dieser und der Schliessung von Kohleminen, Stahlwerken und anderen Produktionsstätten kam es zu einem wirtschaftlichen Abschwung in dieser Region und die Arbeitslosigkeit stieg rasant. Des Weiteren wurden in der Vergangenheit weniger Investitionen in die Infrastruktur des Nordens getätigt – und hier kommt HS2 ins Spiel.

HS2 sollte ein riesiges Projekt werden, darin liegt zu einem Teil auch der Grund des Scheiterns. Der ganze Nordwesten, Norden und sogar Schottland sollten profitieren, denn die neuen Hochgeschwindigkeitszüge wären auch auf Strecken im ganzen Norden bis Edinburgh und Glasgow einsetzbar gewesen. Einige Tage bevor ich diese Zeilen nun schreibe, hat Premierminister Rishi Sunak jedoch verkündet, dass der Rest des HS2-Projekts (alles, was über die bereits im Bau befindliche Strecke von London nach Birmingham hinausgeht) gestrichen wird. Dies, weil die Projektrealisierung sich gemäss Prognosen noch über viele Jahre hinauszögern würde und die Kosten immens wären. Das Ganze hat sich schon über die letzten zehn Jahre herausgezeichnet. Der erste Teil des Projekts wurde 2009 (!) und das Gesamtprojekt 2012 lanciert und hatte schon damals einige Gegner aufgrund des hohen Budgets von 32 Milliarden. Namentlich gefiel das Vorhaben vor allem den Konservativen, die im Süden Englands dominieren, nicht. In den darauffolgenden Jahren wurde ihre Meinung dadurch bestärkt, dass die prognostizierte Fertigstellung sich immer weiter verzögerte und, viel wichtiger, die erwarteten Kosten stiegen. Sie stiegen bis auf im Januar 2022 geschätzte 106 Milliarden! Der Entscheid des Premiers mag daher naheliegen, das grosse Problem der Sache liegt auch woanders. Rishi Sunak versprach, jeder durch den Abbruch gesparte Rappen werde für Transport- und Verbindungskampagnen eingesetzt werden. Das Ganze heisst «Network North». Es mag sich gut anhören, ist jedoch nur mässig begeisternd, denn viele der Teilprojekte wurden schon vor geraumer Zeit angekündet, einige betreffen ausschliesslich den Süden Englands und den Glauben daran, dass die Pläne überhaupt umgesetzt werden, sucht man vergebens. Ergo: Nichts mit der wirtschaftlichen Förderung des Nordens.

Die Umstände, unter denen der Abbruch der Phase 2 des Eisenbahnnetzwerk-Projekts öffentlich gemacht wurde, sind auch interessant: Der Beschluss wurde bei der «Conservative Party Conference» am 4. Oktober in Manchester bekanntgegeben. Manchester – die Stadt, die von der gesamten Kampagne nun am wenigsten profitiert und den Konservativen ohnehin eher schlecht gesinnt ist.

Die Geschichte zeigt einerseits natürlich, dass das Vereinigte Königreich ihre Infrastrukturplanung überdenken und verbessern müssen, aber sie offenbart auch, wie England damit hadert, den Norden zu unterstützen und wirtschaftlich zu fördern. Transportanschluss ist nur einer von vielen Aspekten des North-South-Divide, jedoch ein zentraler, denn ein effizientes Verkehrsnetz kann die wirtschaftliche Entwicklung sowie auch den Zugang zu beispielsweise Bildung stark beeinflussen.

Ich persönlich finde es ausgesprochen schade, dass die Regierung offensichtlich zu wenig tut, dieses Problem anzugehen. Es geht nämlich auch weit über die Wirtschaft hinaus und hinüber zu wesentlichen sozialen Ungleichheiten bezüglich Gesundheit und Sterblichkeit.

Aber man soll ja in einer Schlussfolgerung nicht noch neue Aspekte und Argumente zum Diskussionsthema nennen, daher beende ich an dieser Stelle meinen Blog-Beitrag, der viel Recherche involviert hat, aber für mich selbst äusserst spannend war.

Aidan Hofheinz, 5c

Quellen:

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