In Daniel Kehlmanns „Mahlers Zeit“ entdeckt der Physiker David Mahler vier Formeln, die den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik außer Kraft setzen würden, der die Zeit und die übrige Physik miteinander verbindet. Folglich würden sie die Existenz der Zeit und ihre eigentlich einseitige Laufrichtung widerlegen. Wie in vielen seiner Romanen, wie zum Beispiel „Tyll“, spielt Kehlmann auch in diesem mit magischem Realismus und erschwert seinem Hauptcharakter das Leben mit Kindheitstraumata. Schon früh beginnt David von irgendwelchen Hütern zu erzählen, die die Menschen davon abhalten sollen, solche „Fehler in der Schöpfung“ zu entdecken. So verschlechtert sich Davids mentaler und physischer Zustand immer mehr, je näher er daran kommt, seine Entdeckung der Öffentlichkeit zu verkünden. Er hofft, dass der Physiker und Nobelpreisträger Valentinov genug verrückt ist, um ihm seine Theorie zu glauben bzw. ihn überhaupt anzuhören. Es scheint jedoch, als ob sich das Universum gegen ihn verschwört, um die Ordnung der Welt, wie wir sie kennen, aufrechtzuerhalten.

Mich hat vor allem die Erzählweise fasziniert. Man weiß nie ganz sicher, ob die Geschehnisse wirklich so passieren oder ob sie Teil von Davids Hirngespinsten sind. Auch die Herangehensweise an die Beschreibung der Physik finde ich meisterhaft. Etwas eigentlich extrem Empirisches und Wissenschaftliches wird zu einer Art Zauberei, verbunden mit Glauben und übernatürlichen Geschöpfen. Durch diesen magischen Realismus wird dem Leser selbst eine gewisse Unsicherheit eingeredet.
Auch die Emotionen und Gedanken, die den Charakteren durch den Kopf gehen, werden extrem nüchtern beschrieben, ziehen den Leser aber geradezu in die Ereignisse hinein. Mit mechanisch beschriebenen Dingen, wie zum Beispiel Stiften, die immer wieder zu Boden fallen, oder missglückten Skizzen, während David um jeden Preis versucht, seine Erkenntnis jemand anderem mitzuteilen, spürt man jedoch eine sehr emotionale, beunruhigende Vorahnung. Mir persönlich schien es, als würde ich wie David etwas verrückt werden, denn ich begann selbst einige Geschehnisse im Buch zu hinterfragen und mir unnötige Sorgen zu machen.
Ich befürchte jedoch, dass ein Großteil meiner Faszination für dieses doch recht kurze Buch mit meinem allgemeinen Interesse für Physik zusammenhängt. Es gibt immer mal wieder Erwähnungen und Anspielungen auf andere Naturgesetze und Hauptsätze. Doch wird die Physik von Kehlmann so stark vereinfacht, dass man das Buch auch ohne physikalisches Wissen gut verstehen und genießen kann. Der Plot ist jedoch trotzdem etwas verwirrend und das Ende bleibt offen. Das bietet jedoch umso mehr Raum für die eigene Imagination und Interpretation. Grundsätzlich würde ich dieses Buch aber jedem empfehlen, denn es ist wirklich schön geschrieben, unterhaltsam und regt vielleicht dazu an, die eigene Weltansicht und den damit verbundenen Glauben etwas zu überdenken.