Der Roman „die Züchtigung“ von Anna Mitgutsch wurde 1987 vom Deutschen Taschenbuch Verlag veröffentlicht und ist eines von vielen Werken der österreichischen Schriftstellerin. Mit 74 Jahren konnte die Linzer Germanistin bereits zehn Romane veröffentlichen, die wiederum in viele Sprachen übersetzt wurden und mit dessen Erfolg sie einige Preise sammeln konnte. Die Autorin widmet sich über 246 Seiten hinweg der Frage, wo der Übergang von Züchtigung und Misshandlung ist und ob der Apfel tatsächlich nicht weit vom Stamm fällt.
Die Hauptpersonen des Romans sind Marie und Vera. Marie, eine Bauerntochter, wird schon seit sie klein ist von ihrer Mutter gezüchtigt, misshandelt und ausgebeutet. Sie wächst in einem streng christlichen Haushalt auf, nichts ist genug und der eigene Körper ist ein Tabu. Seit ihrer Geburt fühlt sie sich nicht geliebt und als sei sie jemand, der weder Liebe noch Zuneigung verdient. Dieses Gefühl verfolgt sie ihr ganzes Leben lang, auch als sie längst verheiratet und sogar schwanger ist. Sie gebärt eine Tochter, Vera, doch auch diese kann ihrer Mutter nicht die Liebe geben, die sie nie bekommen hat. Und so fängt Marie an, ihre Tochter zu schlagen, so wie auch ihre Mutter sie schlug. Sie fängt an, ihr eigenes Fleisch und Blut genau so zu misshandeln, wie auch sie misshandelt wurde. Vera sucht ständig nach der Liebe ihrer Mutter, die jedoch genau so kalt zu ihr ist, wie auch Maries Mutter zu ihrer Tochter war.
Anna Mitgutsch beeindruckt vor allem mit ihrem Sprachstil. Der Roman wurde in einer sehr klaren, beinahe poetischen Sprache verfasst. Die Sätze sind ziemlich kurz gehalten und es wurde nicht viel ausgeschmückt, aber die Texte lassen sich trotzdem sehr geschmeidig lesen. Die Wörteranzahl pro Seite ist meiner Meinung nach ziemlich hoch und es kann deprimierend sein, wenn man nach fünf Minuten immer noch auf derselben Seite feststeckt, weswegen das Buch nicht unterschätzt werden sollte. Etwas, das mir beim Lesen leider auffiel, ist klar, dass das Buch sich sehr in die Länge zieht. Teilweise ist es wirklich anstrengend, weiterzulesen, da gewisse Situationen so ausführlich beschrieben werden, dass es langweilig wird. Das Buch ist sehr repetitiv und nach der fünften Züchtigungsszene weiss man, wie alles funktioniert und die Details würden lieber weggelassen werden. Oft wird auf fürs Buch nicht relevante Situationen, wie zum Beispiel das Leben des Hausarztes, viel zu genau eingegangen, was für mich den Gesamteindruck ziemlich trübt. Mit der Zeit wird es wirklich langweilig, als würde jede Seite genau das Gleiche beinhalten. Das ist auch der Grund, weshalb ich den Spannungsverlauf nicht loben kann. Während des ganzen Buches gab es keinen einzigen Höhepunkt und die Spannungskurve ähnelt einer geraden horizontalen Linie, Spannung ist nie vorhanden. Das liegt jedoch sicherlich auch an der neutralen und klaren Sprache, da auch sehr emotionale und gewalttätige Szenarien unbeeindruckend und beinahe langweilig beschrieben wurden. Trotzdem ist der Spannungsverlauf meiner Meinung nach nicht gut umgesetzt worden.
Ein weiterer Kritikpunkt ist das schwierige Verstehen des Buches. Anna Mitgutsch spielt in ihrem Roman mit Rahmen- und Binnenhandlung, verschiedenen Erzählperspektiven und verschiedenen Zeitformen. Oft wird zwischen Flashbacks von Marie, geschrieben im Präteritum, und der Gegenwart, dem Leben von Vera gewechselt. Diese Wechsel sind oft ziemlich abrupt und es ist schwierig zu verstehen, wer nun gerade erzählt. Gegen Ende wird dann auch noch zwischen Tagebucheinträgen und den vorhin genannten Erzählperspektiven gewechselt, was alles noch unverständlicher macht und den Fokus des Buches auf den falschen Aspekt lenkt. Manchmal musste ich nochmals einige Seiten zurückblättern, da ich einen solchen Wechsel gar nicht bemerkt habe und für mich sollte ein gutes Buch immer Sinn machen, wobei das hier manchmal nicht der Fall war.
Besonders gefallen hingegen hat mir der Aspekt, dass Anna Mitgutsch zwei Geschichten in einem Buch zusammengenommen hat. Es ist von wichtiger Bedeutung, dass man Veras, aber auch Maries Geschichte kennt, um zu begreifen, dass solche Verhaltensweisen auf die eigenen Kinder abfärben. Vielleicht denkt man sich, „Wie können Menschen, die genau wissen, welches Leid Züchtigung birgt, ihren eigenen Kindern genau denselben Schmerz zufügen?“. Die Geschichte dieser beiden Frauen zeigt die Antwort auf diese Frage sehr gut auf, und ich finde es lobenswert, dass Anna Mitgutsch dafür nicht nur die Tochter benutzt hat, sondern auch eben ihre Mutter. Das verdeutlicht nochmals, dass das Verhalten der Eltern auf ihre Nachfahren abfärbt, unabhängig davon, ob sie das möchten, oder eben nicht. Dementsprechend finde ich, dass sie dieses ernste Thema gut in die Tat umsetzte und eine für dieses Phänomen passende Methode gewählt hat.
Meiner Meinung nach ist dieses Buch keine leichte Lektüre und nichts für Leute mit schwachen Nerven. Oft musste ich es weglegen, da mir einige Seiten einfach zu nahe gingen und ich emotional wurde. Das Mitleid und diese Grausamkeit haben mich manchmal beinahe zum Weinen gebracht. Aber es kam auch vor, dass ich das Buch weglegen musste, weil es einfach zu langweilig wurde. Für mich wirkt das gesamte Buch so, als ob die Autorin einfach möglichst viele Seiten mit wenig Inhalt füllen wollte. Die meisten Seiten sind inhaltslos und nur unnötige Beschreibungen von unwichtigen Personen oder Situationen. Jedoch hat Anna Mitgutsch ein sehr ernstes Thema, die Kindesmisshandlung, sprachlich nüchtern und gut aufgegriffen. Wer dieses Buch lesen möchte, sollte sich also auf jeden Fall bewusst sein, dass es von schlimmen Ereignissen handelt und sich sicher sein, dass grosses Interesse für dieses Thema besteht. Denn wer nicht zu hundert Prozent davon begeistert ist, wird schnell gelangweilt von der scheinbar unendlichen Länge dieses Romans. Meine Empfehlung richtet sich also an diejenigen, die mental stabil sind und keine Erfahrungen mit Züchtigung, Essstörungen oder Depressionen haben, sowie an diejenigen, die sich für den psychologischen Hintergrund von Kindesmisshandlung interessieren. Abschliessend lässt sich also sagen: Die Züchtigung ist ein tolles Buch für Menschen mit viel Zeit, Geduld und mentaler Gesundheit.