Der Schweizer Autor Jonas Lüscher bewältig mit seinem Roman «Kraft» ein grosses Thema, den Liberalismus bzw. die Kritik an den Liberalismus, innert 230 Seiten. Das Buch erschien im Jahre 2017 unter dem C.H. Verlag und handelt hauptsächlich von Richard Kraft, welchen eine unglückliche Ehe und Geldsorgen plagen. Ein wissenschaftlicher Wettbewerb im Silicon Valley verheisst ein Preisgeld von einer Millionen Dollar und die Lösung seiner Probleme.
Richard Kraft, ein Professor für Rhetorik in Tübingen, steckt privat und beruflich in einer schwierigen Situation und hat möglicherweise einen Ausweg aus seiner unglücklichen Ehe und finanziellen Lage gefunden. Sein alter Freund István, ein Professor an der Stanford University, lädt ihn ins Silicon Valley ein, um an einer wissenschaftlichen Preisfrage teilzunehmen. Kraft soll in einem 18-minütigen Vortrag die Theodizeefrage erklären und begründen, warum alles, was ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können. Ein Internet-Mogul hat eine Million Dollar für die beste Antwort ausgelobt – damit könnte Kraft sich endlich von seiner anspruchsvollen Ehefrau freikaufen.

Der Roman präsentiert sich in zwei unterschiedlichen Zeitebenen, was äusserst fesselnd ist. Durch die Rückblenden in die Vergangenheit erhält der Leser einerseits einen tieferen Einblick in die Persönlichkeit von Kraft und kann ihn dadurch besser verstehen. Andererseits ist diese Zeitebene von essenzieller Bedeutung für den Roman, da sie die Entwicklung des Liberalismus im Laufe der Jahre anhand von Krafts individueller Geschichte verdeutlicht.
Im Allgemeinen zeichnet sich dieser Roman durch Lüschers Gesellschaftskritik und seinen humorvollen Schreibstil aus. Dabei spielt die Figur des Kraft eine entscheidende Rolle, denn er verkörpert gewissermassen die Gegenbewegung zu den sogenannten „Altachtundsechzigern“, die in den 80er Jahren entstand. Durch die Rückblenden wird schnell deutlich, dass Kraft ein Anhänger des Marktliberalismus und des Konservatismus ist.
Lüscher schickt ausgerechnet, den stark vom Liberalismus geprägten, Kraft nach Silicon Valley, einen Ort, von dem ein Liberaler nur träumen kann. Doch dort muss er erkennen, dass er dem nichts entgegenzusetzen hat und dass es nichts Schlimmeres gibt. Diese Konfrontation zwischen Kraft und der Realität des Silicon Valley, das für seinen technologischen Fortschritt und seine Marktbeherrschung bekannt ist, führt zu einer interessanten Dynamik und unterstreicht Lüschers kritische Sichtweise.
Durch Lüschers geschickten Einsatz von Humor und seiner pointierten Gesellschaftskritik ermöglicht der Roman dem Leser, die Entwicklung und den Einfluss des Liberalismus anhand der Persönlichkeit von Kraft zu reflektieren. Der Leser erhält somit Einblicke in die Komplexität der politischen und gesellschaftlichen Strömungen, während er gleichzeitig von Lüschers intelligentem Humor unterhalten wird.
Genau für diese Ironie einen Liberalen in Silicon Valley scheitern zu lassen, finde ich äusserst lobenswert, aber auch den Humor, den Lüscher in sein Buch mit integriert hat, denn Kraft ist sich seiner miserablen Situation durchaus bewusst.
Zusammenfassend bin ich sehr begeistert von Lüschers Werk. Vom Ort der Handlung bis hin zum gewählten Schreibstil, alles ist geschickt gewählt worden. Besonders wichtig ist für mich jedoch die Kernaussage des Buches, die eine Kritik an der heutigen Gesellschaft darstellt und mich zum Nachdenken angeregt hat. Ich empfehle das Buch auf jeden Fall weiter, möchte jedoch darauf hinweisen, dass ich im Vergleich zu ähnlich langen Büchern relativ lange gebraucht habe, um es fertigzustellen.