Der Kriminalroman «Schilf» von Juli Zeh ist voller physikalischer Theorien und interessanter Gedankenzüge. Das Buch ist 2007 im Schöffling Verlag erschienen und umfasst 383 Seiten. Die deutsche Schriftstellerin ist ausserdem Juristin und ehrenamtliche Richterin am Verfassungsgericht in Brandenburg. Sie ist bekannt dafür, in ihren Werken gesellschaftspolitische Themen aufzugreifen und erhielt schon zahlreiche Preise. Ihr Buch «Schilf» handelt von zwei Physikern, die sich streiten, einem einführten Kind, einem Mord, einem alten Kommissar und der Viele-Welten-Theorie.
Die Hauptfiguren des Romans sind die Physiker Sebastian und Oskar, die sich bereits seit ihrem Studium in Freiburg kennen. Sebastian hat eine Familie bestehend aus seiner Frau Maike und seinem Sohn Liam, den er über alles liebt. Er ist besessen von der Viele-Welten-Theorie, die besagt, dass es eine unendliche Anzahl von Universen gibt, wodurch alle unterschiedlichen Vergangenheiten «unseres» Universums tatsächlich existieren. Etwas vereinfacht ausgedrückt heisst das, dass alles, was möglich ist auch geschieht, einfach in einem anderen Universum. Sebastian träumt davon eines Tages diese Interpretation der Quantenmechanik mit mathematischen und physikalischen Herleitungen erklären zu können und damit auch Anerkennung von seinem Freund Oskar zu bekommen. Dieser hat sich bereits einen Namen als Physiktheoretiker gemacht und forscht am Schweizer Eliteinstitut CERN. Sebastians Ambitionen in der Physik werden jedoch plötzlich durch eine schreckliche Nachricht beiseitegeschoben: Sein Sohn Liam wurde entführt und er bekommt ihn erst wieder zurück, wenn er einen Mord begeht. Ab da kommen Ermittlungen ins Spiel, die auch einen durchaus interessanten Kommissar beinhalten

Die Geschichte wird aus der Perspektive eines auktorialen Erzählers geschrieben. Somit können wir mit etwas Distanz in die verschiedenen Gefühlswelten der Charaktere eintauchen. Der allwissende Erzähler gibt gerade so viel Preis wie nötig, ohne alles vorwegzunehmen. Die Spannung wird manchmal erhöht, indem wir einen kleinen Einblick in zukünftiges Geschehen kriegen oder wenn der Fokus von einer Person auf eine andere wechselt. So wollte man gerade noch wissen, was eine Figur vorhat, und schon landet man bei den Gedanken einer anderen.
Bevor ich diesen Roman gelesen habe, habe ich mich noch nicht intensiv mit der Viele-Welten-Theorie auseinandergesetzt. Ich muss zugeben, dass ich durchaus ein gewisses Interesse an Physik habe, sodass mir diese in Verbindung mit Literatur sehr gefallen hat. Obwohl ich mir über die meisten Theorien noch keine Gedanken gemacht habe, war es nicht schwierig, der Handlung zu folgen. Man sollte sich auch als Unwissender in diesem Gebiet nicht davon abschrecken lassen. Es ist offensichtlich, dass sich die Autorin gründlich mit dem Thema auseinandergesetzt hat und im Gegensatz zu anderen Kritikern, finde ich sie hat dieses perfekt mit dem Krimi verbunden. Manchmal habe ich das Buch beiseitegelegt, weil mich eine Passage zum Nachdenken gebracht hat. In dieser ging es zum Beispiel um das Wesen der Zeit oder das Paradoxon von Schrödingers Katze. Das ist etwas, was mir oft bei ihren Büchern geschieht und wahrscheinlich auch das Zentrale daran ist, warum ich Juli Zehs Literatur mag.
Die Autorin selbst meint, es störe sie an den meisten Krimis, dass diese beim Lesen ohne Abwege der Auflösung des Falls folgen müssen. Ständig hätte man das Zielkreuz vor den Augen. In «Schilf» ist dies also mit Absicht nicht der Fall. Genau das ist erfrischend, denn wenn man schon viele Kriminalromane gelesen hat, merkt man irgendwann, dass die meisten nach dem gleichen Schema vorgehen. In «Schilf» gibt es nämlich noch viel mehr Fragen, die sich der Leser stellt, als nur: «Wer ist der Mörder?», oder «Wer hat wen erpresst?». Ich hatte endlich wieder einmal die Erfahrung, nicht richtig vermuten zu können, wie ein Buch endet. Das hat Juli Zeh meiner Ansicht nach in diesem Roman besser erreicht als in «Nullzeit».
Ich sehe «Schilf» als ein absolut empfehlenswertes Buch. Wer die präzisen Beschreibungen in «Nullzeit» schon mochte, wird sie auch hier wieder antreffen. Wenn einen Theorien der Physik aber nur nerven, sollte man vielleicht lieber zu einer anderen Lektüre greifen. Bloss nicht so vertraut in diesem Gebiet zu sein, darf aber auf keinen Fall einen Grund darstellen, «Schilf» keine Chance zu geben.