Der Roman „Das Floss der Medusa“ von Stefan Griebl wurde im Jahr 2017 von der Penguin Random House Verlagsgruppe veröffentlicht. Stefan Griebl, besser bekannt unter dem Pseudonym Franzobel, ist ein österreichischer Schriftsteller, Dramatiker und Lyriker. Geboren am 10. März 1967 in Vöcklabruck, begann er seine schriftstellerische Karriere in den 1990er Jahren. Franzobel ist für seinen unkonventionellen und oft provokativen Schreibstil bekannt. Er hat zahlreiche Romane, Theaterstücke und Gedichtbände veröffentlicht, die sich durch schwarzen Humor, Gesellschaftskritik und die Auseinandersetzung mit politischen und historischen Themen auszeichnen. „Das Floss der Medusa“ umfasst 589 Seiten und widmet sich der Frage: Wie hoch ist der Preis des Überlebens? Franzobel setzt sich im Roman mit Menschlichkeit, Überlebenskampf, Machtmissbrauch und den dunklen Schattenseiten der menschlichen Natur auseinander.

Fast 27 Jahre nach der französischen Revolution und kurz nach Napoleons Rückkehr zur Macht ereignet sich vor der Westküste Afrikas eine schreckliche Tragödie. Die Fregatte Medusa läuft bei ihrer Überfahrt nach Senegal auf eine Sandbank auf, und 400 Passagiere müssen evakuiert werden. Aufgrund des unzureichenden Platzes in den Rettungsbooten wird in Eile ein Floss gebaut – 20 Meter lang und 7 Meter breit. 149 Menschen, darunter Frauen, Männer und Kinder, drängen sich bis zu den Knien stehend im Wasser auf dem Floss mitten im Ozean. Während der Kapitän und ein Großteil der Passagiere das Ufer erreichen und es vermeiden, über die Zurückgelassenen auf dem Floss zu sprechen, spielen sich dort dystopische Szenarien ab, geprägt von unverblümtem Kannibalismus. Die 15 Überlebenden auf dem Floss werden rund zwei Wochen später gefunden. Ihr ausgezehrter körperlicher und seelischer Zustand lässt sie wie Tote erscheinen. Einer der Überlebenden, der Schiffsarzt Jean Baptiste Henri Savigny, verfasst nach seiner Rettung einen Bericht über das Geschehene, gemeinsam mit einem weiteren überlebenden Schiffbrüchigen und dem Künstler Géricault, der wenig später das Szenario des Flosses in einem Gemälde darstellt.
Franzobel verwendet als Erzählperspektive den auktorialen Erzähler, der den Fokus jeweils abwechselnd innerhalb eines Kapitels auf verschiedene Figuren legt. Dabei benutzt er kurze und prägnante Satzstrukturen sowie Dialoge, um einen lebendigen und dynamischen Text zu schaffen. Durch diese geschickte Verwendung des auktorialen Erzählers erhalten die Leser einen umfassenden Eindruck von den Emotionen und Motivationen der einzelnen Figuren. Der Schreibstil von Franzobel ist dabei äußerst eindringlich und mitreißend. Er bedient sich einer breiten Palette rhetorischer Stilmittel, um den Roman und seine Thematik noch expressiver zu gestalten. Dabei nutzt er bildhafte Ausdrücke und Metaphern, andererseits aber auch eine brutale und derbe Sprache, um die Grausamkeiten der menschlichen Natur und ihre Abgründe eindrücklich zu hinüberzubringen. Besonders gefallen haben mir auch die historischen Vergleiche, wie beispielsweise mit der Tragödie Tschernobyl und noch vielen mehr.
Was das Titelbild betrifft, bin ich hin- und hergerissen. Zum einen finde ich es sehr passend, weil es einen Auschnitt aus Géricaults Gemälde abbildet. Dadurch schafft Franzobel eine intermediale Intertextualität, was bei mir für einen Einfluss der Wahrnehmung und stärkeres Interesse gesorgt hat. Auf der anderen Seite hingegen denke ich auch, dass es schon zu viel Inhalt des Romanes preisgibt.
Besonders lobenswert ist meines Empfindens nach die intensive Recherchearbeit, die Franzobel geleistet hat. Die Fülle an historischen Fakten im Roman, wie der Kannibalismus auf dem Floss, kann im Internet und durch die Erfahrungsberichte der Überlebenden sogar verifiziert werden. Zudem finde ich die Korrelation von Form respektive Sprache und Inhalt im Buch bemerkenswert. Der brutale und vulgäre Schreibstil verstärkt die Darstellung der Grausamkeiten und ermöglicht ein intensiveres Leseerlebnis sowie eine tiefere Auseinandersetzung mit den Themen des Romans. Allerdings verwendet der auktoriale Erzähler meiner Meinung nach manchmal zu viel schwarzen Humor und stellt die Menschen zu grässlich dar. Auch das wiederholt auftretende Thema Stuhlgang im Buch hat mir zum Teil sehr auf den Magen geschlagen, ebenso wie die ständig vorhandene Brutalität. Was mir ein bisschen fehlt, ist ein Übergang, an dem die Würde und Menschlichkeit verloren gehen. Denn bereits von Anfang an sind die Menschen grausam zueinander, es gibt also diesbezüglich keinen erkennbaren Twist in der Geschichte.
Der Schluss des Buches wiederum hat mir sehr gut gefallen. Er rundet die Geschichte schön ab und gibt den Lesern einen Einblick, wie die Überlebenden und die Politik mit der Tragödie umgehen. Besonders geschickt finde ich, hat Franzobel auf den letzten Seiten des Romans einen Bogen zum zweiten Kapitel geschlagen, was mich sehr nachdenklich gestimmt hat.
Insgesamt hat mich „Das Floss der Medusa“ tief berührt und zum kritischen Nachdenken angeregt. Franzobels vulgären Schreibstil geprägt mit schwarzem Humor, macht den Roman zu einer intensiven und gleichzeitig auch provokanten Lektüre. Ich empfehle das Buch allen Lesern, die sich auf eine emotional mitreissende Geschichte einlassen möchten, aber dennoch nicht vor Brutalität und Ekel scheuen.