Der Roman «Nullzeit» der Autorin Juli Zeh ist ein Buch, das den Leser herausfordert, die Wahrheit in Frage zu stellen und über ihre Definition nachzudenken. Der Roman ist im August 2012 im Schöffling Verlag erschienen und umfasst 256 Seiten. Er handelt von einem deutschen Auswanderer, der auf eine Insel gezogen ist, um Frieden und Ruhe zu finden. Der Tauchlehrer verwickelt sich jedoch in eine Dreiecksbeziehung und merkt erst zu spät, dass es in diesem gefährlichen Spiel kein einfaches Raushalten mehr gibt.
Die Geschichte spielt im Jahr 2011 auf der Insel Lanzarote. Die Hauptfigur Sven baute dort mit seiner Partnerin Antje eine Tauchschule auf, nachdem sie sich entschieden, Deutschland den Rücken zuzukehren. Sven, ein ehemaliger Jurastudent, kritisiert die wertende Mentalität seiner Heimat und fühlt sich in der Unterwasserwelt wohler. Diese fasziniert ihn wegen ihrer stillen Kommunikation, die zu einem «Unter-Wasser-Frieden» führt, wie er es beschreibt. Seine Ruhe wird jedoch durch die Ankunft zweier neuer Gäste gestört. Die Schauspielerin Jola und der Schriftsteller Theo haben bei Sven und Antje einen Urlaub mit voller Betreuung und Unterkunft gebucht. Dabei fühlt sich Sven besonders zur Schauspielerin hingezogen. Diese scheint vollkommen damit beschäftigt zu sein, sich auf eine neue Filmrolle vorzubereiten. Um jeden Preis will sie die Rolle der Taucherin «Lotte Hass» ergattern. Die Beziehung zu ihrem Partner Theo könnte man als gewalttätig und missbräuchlich beschreiben. Sowohl Demütigungen als auch Körperverletzung, ausgehend von beiden Seiten, sind keine Seltenheit während ihres Aufenthalts. Trotz dieser grausamen Umgehensweise scheinen sie als Paar zu funktionieren und einander zu lieben. Der naive Sven gerät jedoch immer mehr in ihre gefährlichen Spiele hinein, bis er schliesslich gefangen ist und nicht mehr aus der Situation fliehen kann. Jola stellt sich als klüger heraus, als man es ihr anfangs zutraut und kann Sven ohne Mühe um den Finger wickeln.
Juli Zeh beeindruckt vor allem mit ihrer Erzähltechnik. Geschickt nutzt sie unzuverlässige Erzähler, um den Leser mit der Frage nach der Wahrheit herauszufordern. Svens Erzählungen und Jolas Tagebucheinträge begleiten die Geschichte mit vielen klaren Widersprüchen. Ihre Berichte gleichen sich in manchen Details, jedoch sind die Kernaussagen gegensätzlich. Dabei stellt sich Jola in ihren Einträgen als Opfer dar, was Sven aber anders sieht. Die ständige Unsicherheit, die einen während der Lektüre verfolgt, macht das Buch spannend und spornt zum Weiterlesen an. Es zeigt auf, wie Erinnerungen durchaus nicht der Wahrheit entsprechen können, ohne direkt gelogen zu sein. Sven selbst meint, dass nichts korrupter als die menschliche Erinnerung sei. Erst würden die Details der Ereignisse verschwimmen, dann die Ereignisse selbst, erzählt er auf den letzten Seiten.
Genau wie die Widersprüche, bleiben auch das Cover und der Titel lange ein Rätsel. Natürlich kann man früh herausfinden, was Nullzeit bedeutet, was dies aber mit der Geschichte als Ganzes zu tun hat, erkennt man erst nach der Lektüre. Ich bin auch ein grosser Fan von Darstellungen, die erst mit dem fertigen Lesen des Buches Sinn ergeben. Es lohnt sich auf jeden Fall, sich am Schluss nochmals Gedanken darüber zu machen und so entdeckt man viele Momente der Handlung darin wieder.
Der Roman lässt sich im Allgemeinen sehr gut lesen. Die Autorin schafft es immer wieder, die Handlungen präzise zu beschreiben, ohne zu komplex zu werden. Ein Zitat auf der Seite 69 zeigt dies gut auf: «Vor unseren Augen erstreckte sich einer der schönsten Tauchplätze der Insel. Die bizarre Vulkanlandschaft setzte sich unter Wasser fort, eine steinerne Stadt aus Türmen, Säulen, Torbögen und Zinnen. Als oben die Sonne durch die Wolken brach, schwebten wir inmitten eines Doms aus aufsteigenden Luftblasen und Licht.»

Besonders gefällt mir, dass die Geschichte eine klare Originalität besitzt. Die Charaktere wirken glaubhaft und menschlich. Man hat nicht das Gefühl, dass Juli Zeh sich Persönlichkeiten ausgesucht hat, mit denen sie auf Nummer sicher gehen wollte. Anstatt klischeehafte Charaktere zu beschreiben, wie man sie schon aus tausenden anderen Büchern kennt, liegen diese viel näher an echten Menschen. Ihre Aktionen sind nicht direkt nachvollziehbar und nicht genau aufeinander abgestimmt. Sie lassen sich von Gefühlen beeinflussen und bleiben ihren Grundsätzen nicht immer treu. Ausserdem mag ich es, wie Juli Zeh einen dazu bringt, sich über alltägliche Dinge Gedanken zu machen. Das ist mir auch schon in anderen ihrer Büchern aufgefallen. Während ich bei Nullzeit merke, wie Erinnerungen verblassen können, denke ich in ihrem Roman «Schilf» über die Komplexität der Dimension der Zeit nach. Schon allein damit heben sich ihre Bücher von «einfachen» Unterhaltungsromanen ab.
Nullzeit ist absolut empfehlenswert für Leser, die gerne einmal einen etwas untypischeren Krimi lesen wollen. Man muss darauf gefasst sein, dass man zwischendurch gar nicht mehr weiss, was vom Geschriebenen überhaupt geschehen ist. Wenn man andere Bücher von Juli Zeh mag, wird Nullzeit wahrscheinlich auch keine Enttäuschung sein. Mit diesem Roman hat bei mir die Freude für ihre Literatur begonnen, von der ich hoffe, dass sich auch andere anstecken lassen.