Stille Leidenschaft

Was viele nicht über mich wissen: Ich hege eine enorme Faszination fürs Ballett. Als ich klein war, habe ich Pirouetten in der Küche gedreht und all meinen Freundinnen erzählt, dass ich regelmässig Ballett-Unterricht nehme. Das war gelogen, denn meine Eltern wollten damals nicht, dass ich meinem Körper in einem so jungen Alter schon schade. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Füsse bleibende Schäden davontragen, ist nämlich erschreckend hoch. Doch jetzt, elf Jahre später, kann ich meinen Traum endlich verwirklichen: Ich gehe regelmässig ins Ballett-Training. Wie es dazu kam und wie glücklich mich das Tanzen tatsächlich macht, erfahrt ihr in diesem Text.

Der Weg, ein geeignetes Hobby für mich zu finden, war lange und steinig. Ich habe alles Mögliche ausprobiert, von Reiten bis Fussball, über Judo zum Voltigieren und Akkordeon spielen. Doch irgendwie war nie etwas dabei, das mir wirklich Spass bereitete. Trotzdem habe ich vier Jahre lang im Verein Fussball gespielt und bin fünf Jahre lang regelmässig nach Deutschland zur Reitstunde gefahren. Doch der Drang nach Eleganz und Rhythmus des klassischen Tanzes verschwand nie in mir. Manchmal ging ich in die Oper, um die professionnellen Ballerinas tanzen zu sehen, aber diese Besuche machten mein heimliches Verlangen, Ballett zu tanzen, nur noch grösser. Im Mai 2022 erzählte mir meine Freundin Luna dann von ihren Plänen des Abends. „Ich gehe in eine Ballettstunde für Anfänger“. Interessiert hörte ich zu, und als sie mich fragte, ob ich vielleicht mitkommen möchte, war ich Feuer und Flamme. Natürlich ging ich mit und durfte sogar mittanzen, was, wenn ich jetzt zurückblicke, sicherlich sehr lustig aussah. Aber das spielte überhaupt keine Rolle, weil die anderen Frauen, die übrigens erwachsen waren und auch erst mit Ballett angefangen haben, nur auf sich selber und ihren Tanz fokussiert waren.

Die erste Ballettstunde war ein unvergessliches Erlebnis. Am Ende habe ich mich hingesetzt, um einfach nur zuzuschauen. Ich kann mich noch gut an das erinnern, was ich fühlte: Wie die anderen Frauen tanzten, sah so leicht und doch so elegant aus. Ich fühlte mich fast nicht mehr so, als wäre ich im Tanzstudio – um mich herum wurde es ganz still, ich war in meiner eigenen Welt. Und genau dieses Gefühl nahm ich mit in die nächste Stunde, und in die nächste Stunde und in die nächste Stunde. Ich gebe zu, dass dieses Gefühl, jetzt, sieben Monate später, etwas verblasst ist und die Faszination etwas nachgelassen hat. Mittlerweile bin ich nämlich an einem Punkt angelangt, an dem ich begriffen habe, dass Ballett nicht leichtfüssiges Schweben ist. Es steckt so viel Kraft, Disziplin und Körperbeherrschung hinter dieser Sportart. Man muss sich auf so viele Punkte gleichzeitig konzentrieren: den Ellbogen, die Finger, gestreckte Füsse, gestreckte Beine, die Körperhaltung und vieles, vieles mehr… 

Was ich am meisten schätze an der Tanzschule, ist die Atmosphäre. Anders als erwartet, entspricht sie nicht dem bekannten Klischee: strenge russische Ballettlehrerin und labile Tänzerinnen. Es ist immer sehr entspannt während dem Unterricht, unsere Ballettlehrerin zeigt viel Verständnis und versucht ihr Bestes, ihre Schülerinnen zu motivieren. Dies ist sicherlich der Hauptgrund dafür, weshalb ich das Handtuch nicht schon längst hingeschmissen habe. Seit eine Teilnehmerin des Kurses schwanger wurde und eine andere sich verletzte, beziehen Luna und ich nun wöchentlich „Privatstunden“. Jeden Montag sind wir nur zu zweit im Training und haben so die Möglichkeit, uns schnell zu verbessern und effizient zu trainieren. 

Mit fünfzehn Jahren bin ich zu alt, um eine Karriere als Profitänzerin einzuschlagen. Das macht mir aber nichts aus. Dafür habe ich ein Hobby gefunden, das mich noch viele Jahre glücklich machen wird.

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